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Früher war alles besser, früher war alles gut…

Ich finde soziale Netzwerke großartig. Facebook, StudiVZ oder StayFriends sind eine wunderbare Möglichkeit sich auf Reisen in die eigene Vergangenheit zu begeben, ohne mit den damals im eigenen Leben häufig zwangsweise präsenten Personen wieder in Kontakt kommen zu müssen – die Rede ist hier natürlich von einstigen Mitschülerinnen und Mitschülern.

Mit einer gesunden Mischung aus boshafter Neugier, einem maßlosen Überlegenheitsgefühl sowie nicht wenig Fremdscham bereitet es mir einfach eine unglaubliche Freude zu sehen, was aus vielen jener Cretins geworden ist, denen ich schon während unserer gemeinsamen Schulzeit vor allem eine mehr oder weniger offene Abneigung entgegengebracht habe. Was mich bei manchen anderen, insbesondere bei politisch auf der richtigen Seite der Barrikaden stehenden Menschen doch stark entsetzt, dient in diesem Fall meinem billigen Vergnügen, meiner persönlichen Belustigung: die freiwillige Veröffentlichung von echten Namen, zugehörigen Fotos und oftmals noch zahlreiche weitere personenbezogene Daten und Details in eben diesen sozialen Netzwerken – das blöde Hineingrinsen in die Ewigkeit des www.ichbindummundvernetzt.de.

Bisweilen schafften es manche dort zu entdeckende Biographien fast sogar, Mitleid in mir zu wecken. Dann hat aber doch noch immer die Schadenfreude die Oberhand behalten… Zu erfahren und zu sehen, dass die einstigen everybody’s darlings fast zwanzig Jahre später noch immer im gleichen erbärmlichen Vorort der gleichen, sowieso schon mehr als provinziellen Stadt ihr Leben auf dem gleichen Niveau weiterführen, wofür ich sie bereits damals verachtet habe, war mir schon mal das eine oder andere Glas Prosecco wert. Auch wenn mir bewusst ist, dass meine Verachtung auf einer nicht unbedingt emanzipatorischen Kapitalismuskritik beruht, war es nunmal vor allem deren aufgesetzte, grundlegend widerliche rich kid-Attitüde, welche später auch mal zum abendlichen Klassenfaustkampf an der örtlichen, gemeinsam benutzten Bushaltestelle führen sollte.

Aber zurück zum Thema: Früher war alles besser… Bullshit! Auch ich will es nicht mehr hören, genausowenig wie die Toten Hosen es nicht hören wollen. Einerseits: doch. Früher waren die Toten Hosen schon besser als heute. Andererseits: nein. Ein Blick auf das folgende Bild sollte erklären, warum früher eben mit Sicherheit nicht alles besser war:


Damals war vieles vielleicht einfacher: der zweiten Person von links in der hinteren Reihe konnte man noch ohne zu fragen in die Schnauze hauen – ein Popper mit Harrington-Jacke konnte damals nur ein Nazi sein. Ebenso zweite Person von links in der vorderen Reihe – ein Popper mit billiger Bomber-Jacke konnte damals natürlich auch nur ein Nazi sein.

Aber davon mal abgesehen, sollte man, nein, muss man das Bild in Ruhe auf sich wirken lassen. Den geföhnten, ausgedehnten Schwüngen der Frisuren folgen. Die Jeans- und Pastelltöne der Jacken, Hosen, Hemden und Pullover, die auch in Form und Schnitt an DDR-Mode kurz nach dem Mauerfall erinnern (im Hintergrund würde sich übrigens ein Trabant verdammt gut machen, fällt mir gerade auf), sich gedanklich in bewegten Bildern vorstellen. Natürlich auch noch die Schuhe, für die der/die gemeine VollidiotIn (beziehungsweise seine/ihre Eltern) im gleichen Umfang Kohle abgedrückt hat, wie diese albern sind. Womit dann auch wieder der Beweis erbracht worden sein dürfte, dass es Stil nicht zu kaufen gibt. Und dazu noch die Vorstellung der Gespräche dieser Menschen und ihre Stimmen, die eine vollkommen Bedeutungslosigkeit mit dem Klang der Überheblichkeit einfärben können.
Als ich die erste LP von Slime erstmalig auf meinem Plattenspieler laufen liess, wusste ich sofort, auf wen sich ein ganz bestimmtes Lied bezog…

Und nein, ich bin natürlich nicht auf diesem Foto zu sehen. Zum einen habe ich schon damals Gruppenfotos mit Volltrotteln gehasst – zum anderen muss ich kurz mal nachdenken, ob ich die Gestalten auf dem Foto überhaupt kenne. Vielleicht, vielleicht auch nicht, vielleicht hab ich sie auch nur erfolgreich verdrängt. Okay, ich kenne sie doch, sie mich aber nicht (mehr). Und darüber bin ich sehr glücklich.

Techno vs. Faschismus Pt. 2

Okay, 2003 hat Dial vorgelegt, drei Jahre später empfängt die Welt ein akustisches Signal von der „dark side of disco, frozen-balearic, gay biker-house, boogie-trance, heavy-electronica and soft-goth“, welches von James Holden (ihr wisst schon, der Typ mit dem „The Sky Was Pink“-Remix) neu verbastelt wurde:

blackstrobe

aa. nazi trance fuck off (holden remix)Blackstrobe (oder auch mal gerne irgendwie anders geschrieben) haben den Track gemacht, und ehrlich gesagt habe ich keinen blassen Schimmer, was es mit dem Titel eigentlich so genau auf sich hat. Böse Zungen könnten natürlich behaupten, dass dies eine vorurteilbehaftete (und doch so zutreffende) ‚Hommage‘ an das brandenburgischen Großraumdiscoklientel sein mag, welches natürlich auch beizeiten in westlichen Zivilisationen wie Hamburg sein schäbiges Unwesen treibt. Aber ich weiß es nicht. Also egal.

DD vs. HH: Ein kurzer Bombenopfer-Diskurs

oder auch: Techno vs. Faschismus…

Irgendwie interessant: Nach zwölf Jahren fällt vielen Menschen in Dresden erstmals für viele andere wahrnehmbar auf, dass Nazis ja eigentlich doch nicht so prall sind und man sich durch diese irgendwie ja auch mißbraucht fühlt. Die Jahre zuvor, auch bereits im real gescheiterten Staatssozialismus, wurde noch amtlich herumgeopfert und mit herbeihalluzinierten Totenzahlen der ‚Untergang‘ der ‚unschuldigen Stadt‘ beweint. Aber dennoch erfreulich, dass nach 65 Jahren langsam ein Umdenken einzusetzen scheint.

Wie Umgang mit der eigenen Geschichte auch aussehen kann, besser ausgedrückt vielleicht sogar sollte, zeigte das Hamburger Technolabel Dial bereits 2003:

Hamburgerberg

Punktgenau am 58. Jahrestag der Bombardierung Dresdens, am 13. Februar 2003, wurde dort die 12″-Single „Hamburgerberg – Antifaschistische Aktion“ u.a. mit dem Track „Feuer und Flamme für Hamburg“ als Erinnerung an die Operation Gomorrha veröffentlicht.

Und ein gewisser politischer Kontext kann hierbei nicht ausgeschlossen werden, wie folgender Auszug aus einem Interview im De.Bug-Magazin mit einem der Dial-Macher nahelegt:

Debug:
Wie kam Politik mit ins Spiel? Dial steht ja für eine beiläufig selbstverständliche Konvergenz aus House, Techno, Kunst und einer bestimmten Politik. Wie hat sich für dich diese Mischung etabliert?
Pete:
Wenn man ein Label macht, hat man ja nicht nur den akustischen Raum zur Verfügung, sondern auch einen öffentlichen Raum, den man auf Coverartworks und Soliparties mit politischen Botschaften füllen kann. Dieses Polit-Ding finden wir als Dial spannend, weil die elektronische Musikszene weitgehend unpolitisiert ist. Da kann man noch Basisarbeit leisten.

Das ganze Interview findet sich übrigens hier.